Coaching versus Beratung

25. März 2017 Von In Coaching Ausbildung Gelesen 756 mal 0 Kommentar

Ziele treffen im coachingWann ist eigentlich genug „gelabert“?

Letzte Woche fand der Info-Abend zu unserer nächsten Coaching-Ausbildung im September 2017 statt. Im Rahmen des Abends demonstrierten mein Kollege und ich in einem Rollenspiel, wie aus unserer Sicht ein Coach professionell oder weniger professionell auf seinen Klienten eingehen kann.

Dies führte zu einer lebhaften Diskussion, was denn nun „richtiges“ bzw „falsches“ Coaching sei. Ich habe mir daraufhin nochmal Gedanken zu meiner eigenen Coaching-Praxis gemacht. Diese möchte ich gerne mit Dir teilen und bin schon jetzt gespannt, auf Deine Meinung.

 

Coaching von Anfang an

Ich habe damals in meiner Coaching-Ausbildung gelernt, dass es für meine Klienten und den damit verbundenen Coaching-Prozess wichtig und „richtig“ ist, dem Klienten Selbstverantwortung zuzuschreiben. Das heißt, er ist für das Ergebnis des Prozesses selbst verantwortlich. Ich kann ihn auf seinem Weg „nur“ unterstützend begleiten. Dabei bin ich selbstverständlich wertschätzend und empathisch. In keiner Weise mache ich ihm Vorschriften oder erteile Ratschläge. Ich stelle geschickte Fragen, die den Klienten zum Nachdenken anregen, so dass er sich die Lösung des Problems selbst erarbeiten kann.

So weit, so gut. Nur, muss das in dieser Weise wirklich für alle Klienten gelten? Da wir doch auch gelernt haben individuell auf unsere Klienten einzugehen, muss es doch nicht zwangsläufig für jeden Klienten hilfreich sein, seine Geduld mit endlosen Fragen zu strapazieren. Dies soll nicht negativ klingen, weiß ich sehr wohl um die Kraft von Fragen zum richtigen Zeitpunkt. Nur, kann es nicht auch im Sinne des Coaching-Prozesses hilfreich sein einen Klienten provokativ herauszufordern und damit vom gewohnten Schema abzuweichen?

Ein Coaching-Fall aus der Praxis:

Dazu ein Beispiel aus meiner Coaching-Praxis. Ich wurde von einer Firma beauftragt ein Business-Coaching mit einer Führungskraft durchzuführen. Es ging darum, das Führungsverhalten zu „verbessern“, da es mehrfach Kritik aus dem Team gab. Von Anfang an war klar, dass wir ziemlich schnell auf den Punkt kommen mussten, denn bekanntlich ist Zeit Geld und das Budget für den Coaching-Prozess war von Anfang an begrenzt. Jetzt kann man natürlich sagen, dass dies doch immer der Fall ist und wir bestrebt sind, möglichst schnell zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Doch sieht es in der Praxis etwas anders aus, wenn einem der Auftraggeber gleich zu Beginn zu verstehen gibt, dass das Coaching nicht dafür genutzt werden soll die Lebensgeschichte der Führungskraft zu bearbeiten… Ich machte daraufhin den Vorschlag eine Mischung aus Beratung und Coaching anzuwenden was in diesem Fall gut geheißen wurde.

Nach relativ kurzer Zeit war klar, dass die Führungskraft klare Verhaltensvorschläge von mir hören wollte und kein „Eiern“ um sein Problem als Führungskraft. Einerseits war sie schon an Selbstreflexion interessiert doch anderseits wollte sie neue Verhaltensmuster ausprobieren und sehen, ob sich damit Erfolge verzeichnen lassen. Nun hätte ich hier natürlich nachfragen können, „Welche Situationen wie diese hat es schon mal gegeben und wie sind Sie dann erfolgreich damit umgegangen?“, oder so ähnlich. Alles gut und alles an passender Stelle sinnvoll. Nur in diesem Fall war es meinem Klienten wichtig, Ideen an die Hand zu bekommen, wie sich das Verhalten gegenüber den Mitarbeitern und damit die Stimmung im Team konkret verbessern ließe. Zusätzlich hatte er Druck von Seiten seines Vorgesetzten. Auch hier musste er Ergebnisse liefern.

Ehrlich gesagt, konnte ich das Anliegen meines Klienten (und seines Chefs) sehr gut verstehen. Die Luft im Team brannte und auch die Führungskraft hat gemerkt, dass sie so manche Situation durch entsprechendes Verhalten entschärfen könnte. Nur leider fehlte ihr hier das notwendige Handwerkszeug. Ich bin somit seiner Bitte gerne nachgekommen und wir haben gemeinsam Lösungsideen erarbeitet, die ihm tatsächlich weitergeholfen haben. 

Nicht immer ist es also notwendig im Coaching das gesamte systemische Repertoire zu nutzen. Manchmal möchten Klienten tatsächlich einen Ratschlag. Und, was wäre ich für ein Dienstleister, wenn ich die Bedürfnisse meiner Klienten nicht ernst nehmen würde? Schließlich zahlen sie (bzw. ihre Firma) für das Coaching bzw. die Beratung.

Praktische Klärungshilfe auf Augenhöhe

Das heißt, in diesem Fall benötigte jemand praktische Klärungshilfe und keine intellektuellen Fragetechniken, bei denen einem schon beim zuhören schwindlig werden kann ;-) („Wenn ich Ihre Frau fragen würde, wie Ihre Tochter Sie als Vater sieht. Was würde sie mir antworten?“). An anderer Stelle haben diese zirkulären Fragen absolut ihre Berechtigung. Doch, wie schon gesagt, macht es aus meiner Sicht Sinn, sich klar auf den jeweiligen Klienten und sein Anliegen einzustellen.

Wäre ich auf seinen Wunsch nach Beratung und klaren Handlungsstrategien nicht eingegangen, hätte er wahrscheinlich nach ein paar Sitzungen abgebrochen, da es ihm nicht effizient genug wäre. Und was hätte ich davon gehabt? Einen unzufriedenen Kunden und das Gefühl als Coach versagt zu haben. So waren wir beide am Ende zufrieden. 

Ich habe damals aus diesem Beispiel gelernt, dass es wichtig ist flexibel zu bleiben. Nicht nur in seinem Methodenrepertoire sondern in seiner grundsätzlichen Herangehensweise. Auch wenn ich es für sinnvoll halte, wenn jemand seine Lösungen selber erarbeitet, muss es nicht für jeden Coaching-Klienten so sein. Es kann sehr erhellend sein festzustellen, wie effektiv ein Coaching bzw. eine Beratung sein kann, wenn man dem Klienten tatsächlich auf Augenhöhe begegnet und sich seiner Welt des Denkens anpasst. Schließlich geht es um das Wohl des Klienten. Auch ist es sowohl für die Beziehung zwischen Coach und Klient, als auch für das Verständnis des Prozesses hilfreich, die Klienten zu Beginn des Coachings über den Unterschied zwischen Coaching und Beratung aufzuklären, so dass dieser entscheiden kann was ihm wichtig ist.

Aus meiner Sicht wird Coaching manchmal etwas zu weich gespült. Da gibt es viele intellektuelle Luftschlösser, die entdeckt werden wollen, doch wird dabei manchmal die praktische Anwendung vergessen. An dieser Stelle würde ich mir wünschen, dass der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt.

Harte Samthandschuhe

Vielleicht hört es sich hart an, aber oftmals ist das Leben genau so. Vor allem das Berufsleben. Hier wird nicht nur „weich gespült“. Hier müssen klare Fakten auf den Tisch und spürbare Veränderungen sichtbar werden.

Doch Vorsicht! Die eben beschriebene Vorgehensweise sollte nicht mit der „Holzhammer-Methode gleich gesetzt werden. Es geht nicht darum, einem Klienten mal so richtig die Meinung zu „geigen“ und zu zeigen wer hier das Sagen hat. Es ist absolut nichts gegen intellektuellen Anspruch oder Theorienvielfalt und ein breites Methodenspektrum zu sagen. Je versierter, desto besser. Aber ein effektiver Coaching-Prozess benötigt die richtige Dynamik zwischen Pacing und Leading, zwischen Problem und Lösung, zwischen Theorie und Praxis.

Es gibt einfach Klienten, die können mit der vielen Fragerei nichts anfangen und sind schnell davon genervt. Da nützt es nichts zu sagen: „Aber es wäre jetzt wirklich sinnvoll, wenn wir uns das in Ruhe ansehen.“ Er will eine kompetente und konkrete Unterstützung, ein schnelles Coaching, vielleicht eine Beratung; am Ende eine nachhaltige Lösung. Und er will aktiv herausgefordert werden, dafür bezahlt er uns schließlich. Wir dürfen dann auch mal Feedback geben und vor allem – ganz menschlich – auch mal unsere Meinung anbieten. Die meisten Klienten mögen es, wenn sie mal wohlwollend provoziert werden. Das führt sie ebenfalls zur Selbstreflexion und zum Nachdenken über ihre aktuellen Verhaltensmuster. Ob das an dieser Stelle Coaching oder Beratung genannt wird, ist unerheblich. Wesentlich ist, dass sich unsere Klienten von uns verstanden fühlen und spüren, dass wir unser Handwerkszeug verstehen. Das gibt ihnen Sicherheit.

Wie denn jetzt coachen?

Ich bin der Diskussion von unserem Info-Abend zur Coaching-Ausbildung sehr dankbar, hat sie doch den Interessenten nochmal gezeigt, wie facettenreich unsere Arbeit als professionelle Coaches sein kann und auch gesehen wird.

Wichtig ist für mich, meine Arbeit beherzt anzugehen. Unbequem zu sein, da wo es meiner Meinung nach sinnvoll ist, Fragen zu stellen, die den Klienten herausfordern, den Coaching-Prozess klar zu führen um dem Klienten Sicherheit zu geben; und zu spüren wann es sinnvoll ist praktische Ratschläge intellektuellem Philosophieren vorzuziehen.

Jetzt ist mir natürlich Deine Meinung wichtig. Was hältst Du davon ab und wann etwas direktiver als gewohnt zu agieren?

Gelesen 756 mal Letzte Änderung am Samstag, 25 März 2017 14:17
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